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PROMOVIERENDENTAGE zur deutsch-deutschen Zeitgeschichte
Methoden, Inhalte und Techniken im Umgang mit Streitgeschichte

Henning Schulze

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Henning Schulze

Kurzbiographie


Jahrgang:
1980

E-Mail:
henning.schulze[at]hof.uni-halle.de

Promotionsort:
HoF Halle-Wittenberg/Universität Leipzig

Studienabschlussfach:
M.A. Mittlere und Neuere Geschichte, Politik- und Religionswissenschaften

Promotionsbeginn:
2010


Vorstellung des Promotionsthemas


Wohnfabriken

Zwei Fahrgäste wirken etwas verloren auf dem Bahnsteig, der gut und gerne fünfhundert Meter misst. Ein ungewöhnlicher Treffpunkt für eine untypische Stadtführung: Ich bin mit Henning Schulze zu einem Gespräch über die „Chemiearbeiterstadt der DDR“ verabredet, wie der heutige Stadtteil Halle-Neustadt einst hieß. Schulze ist Zeithistoriker und arbeitet an seiner Dissertation zur „Ideengeschichte von Planstädten in der DDR“.

„Halle-Neustadt ist, wenn man so will, mein Laboratorium.“, erklärt Schulze augenzwinkernd. Wir haben die Bahnhofstreppen erklommen und stehen auf einem großen, zugigen Platz im Stadtzentrum. „Das hier war die Hauptschlagader Halle-Neustadts“, erzählt er, „dimensioniert für den täglichen Transfer von mehreren tausend Menschen.“ Daher die langen Bahnsteige, an denen ab Mitte der 1960 Jahre tagein tagaus bis zu drei Schichtzüge gleichzeitig in Richtung Leuna und Buna abfuhren. Die „Chemiearbeiterstadt“ sollte in erster Linie ein Arbeitskräftereservoir für die Chemiekombinate der DDR sein. „Gerade in der chemischen Industrie hatte die DDR große Probleme, die Arbeiterinnen und Arbeiter zu halten.“, erzählt er: „Halle-Neustadt war ein Prestigeprojekt mit der Botschaft: ‚Wir kümmern uns um die Arbeitenden’: modern, großräumig gestaltet und für damalige Verhältnisse geradezu luxuriös ausgestattet.“ Graue Betonklötze, die so genannten „Scheiben“, dominieren das Stadtzentrum. Kaum vorstellbar: Dies war einst begehrter Wohnraum. Aber Wohnungen waren wie so vieles Mangelware in der DDR, und das Konzept ging auf. Mitte der 1970er Jahren wohnten bereits 70.000 Menschen in Halle-Neustadt.

Aber nicht das ist es, was Schulze interessiert: „Es ging hier, wie in den Planstädten der DDR überhaupt, um mehr als nur Wohnungsbau oder Sozialpolitik. Halle-Neustadt sollte erzieherisch auf die Bewohnerinnen und Bewohner wirken. Hier sollte sich die vielbeschworene ‚sozialistische Menschgemeinschaft’ prototypisch verwirklichen.“ Während des Rundgangs wird das bei jedem Schritt deutlich: Die Stadt war flächendeckend mit einem Netz von Schulen, Kindergärten und -krippen überzogen. Plastiken, Mosaike und Wandgemälde mit Namen wie "Lenins Worte werden wahr“, „Jugend und Tanz“ oder „Einheit der Arbeiterklasse und Gründung der DDR“ finden sich noch heute überall. Wie die Bildung diente auch die Kunst in der „Chemiearbeiterstadt“ dem Auftrag des Sozialismus. Staat und Partei bestimmten die Inhalte, mit denen die Bewohnerinnen und Bewohner Halle-Neustadts planmäßig „beschult“ und „bekunstet“ wurden. „Dabei ging es nicht um eine freie Bildung oder kritische Auseinandersetzung mit der Kunst, sondern um die Schaffung eines ‚neuen Typs von Menschen’.“, sagt Schulze und bringt das Ansinnen auf eine griffige Formel: „Aus Proleten sollten Proletarier werden – nicht weniger, aber auch nicht mehr.“

Zwischen den Wohnhäusern – fast ausschließlich Plattenbauten – erinnern flache Zweckgebäude an die einstigen „Komplexzentren“ mit Großkaufhallen, -gaststätten und -reinigungen aber auch Bibliotheken und Kultureinrichtungen. „Mich interessieren die Ideen, die hinter der Gestalt und Ordnung der Planstädte stehen.“, meint Schulze. Dem Willen der Erbauer nach hätte hier eine sozialistische Mustergemeinschaft entstehen sollen: arbeitsam, klassisch gebildet, staatstreu. In der Realität habe das freilich anders ausgesehen, und genau diese Realität will Schulze mit Aktenstudien und Zeitzeugeninterviews untersuchen. Gemessen an den Erwartungen waren die Lebensentwürfe der Bewohnerinnen und Bewohner offenbar eigensinnig. Dafür sprechen auch die wenigen bereits in der DDR erschienenen soziologischen Studien. „Der Fernseher oder der Kleingarten waren wohl wichtiger als der Schreibzirkel oder das Studium marxistischer Klassiker.“, meint er lakonisch. Besonders alarmiert war die Partei- und Staatsführung angesichts der ab den 1980er Jahren entstehenden Jugendsubkultur: „Sie hörten die ‚falsche’ Musik, versammelten sich in der Kirche und sympathisierten mit Biermann und der Friedensbewegung – der Konflikt mit der Staatsmacht war vorprogrammiert.“, sagt Schulze. Die Stasi observierte die Szene, es kam zu Verhaftungen, und der Gemeindediakon wurde schließlich in die BRD abgeschoben. Aus seiner Sicht sind all dies Symptome für das letztendliche Scheitern der Idee von der „besseren Stadt“.

„Die Erbauerinnen und Erbauer stellten sich Halle-Neustadt offenbar wie eine Fabrik vor.“, meint er, alles sei wie ein Fließband angelegt gewesen. Nur sei es hier nicht um die Herstellung von Maschinen gegangen, sondern um die Produktion von Menschen. „Das Projekt ‚Chemiearbeiterstadt’ und sein utopischer und dystopischer Gehalt oder einfacher gesagt: ‚Was ist da – glücklicherweise – schiefgegangen?’“ – so fasst Henning Schulze seine Fragestellung zusammen.




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