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PROMOVIERENDENTAGE zur deutsch-deutschen Zeitgeschichte
Methoden, Inhalte und Techniken im Umgang mit Streitgeschichte

Evelyna Schmidt

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Evelyna Schmidt

Kurzbiographie


Jahrgang:
1978

Promotionsort:
Universität Wrocław

Studienabschlussfach:
Germanistik, Polonistik

Promotionsbeginn:
2006

Finanzierung der Promotion:
Stipendiatin der Bundesstiftung Aufarbeitung



Vorstellung des Promotionsthemas


Wahnsinn im Realsozialismus. Literarische Grenzgänger in der DDR und der VR Polen

Wahnsinn in einer scheinbar fiktionalen Welt – mit der vorliegenden Publikation liefert Evelyna Schmidt eine ungewöhnliche „Geschichte des Widerstands“ in kommunistischen Diktaturen. Ausgangspunkt sind nicht politische Gegner oder gesellschaftliche Außenseiter, sondern depressive, paranoide oder gespaltene Persönlichkeiten in literarischen Texten zweier diktatorischer Regime: der DDR und der VR Polen. In beiden Diktaturen bestand trotz unterschiedlicher Entwicklung der Anspruch, einen „Neuen Sozialistischen Menschen“ zu schaffen. Zudem negierte die kommunistische Ideologie das Innere im Menschen nie, es war ein fester Bestandteil ihrer „Beglückungsstrategie“ und „-praxis“. Die Literatur sollte jeweils mithelfen, das neue Menschheitsideal zu verwirklichen. Dass sie diesem Postulat nur bedingt gerecht wurde, davon zeugt eine Vielzahl von kritischen, zum Teil zensierten Werken. Zu ihnen gehört die von Schmidt untersuchte Prosa, darunter Texte von Ulrich Plenzdorf, Monika Maron und Jerzy Andrzejewski. Doch die Autorin beschränkt sich nicht auf die Präsentation literarischer Psychogramme, sie führt auch ein in eine Welt voller Schreckensvisionen, Absurditäten, utopischer Träumereien. Das Buch ist weit mehr als eine rein auf die Literatur beschränkte Analyse, weil es das Phänomen Wahnsinn und die Kulturpolitik beider Länder einbezieht: Es ist ein Diskurs über das kulturelle Konstrukt Wahnsinn. Aber vor allem ist es auch eine Geschichte über den Wahnsinn als Ursache, als Folge und als prägnante Eigenschaft kommunistischer Diktaturen.

In jedem Fall spielt die gesellschaftliche Norm und ihre Abweichung eine Rolle, was auch immer sich hinter dem Topos Wahnsinn verbirgt: die Geisteskrankheit, extravagantes Verhalten oder die Flucht vor der Realität. Um diese literarisch inszenierte Wechselbeziehung zwischen dem unangepassten Individuum und einer durch und durch reglementierten Umwelt, den Kampf beider um die „Psyche“, geht es der Literaturwissenschaftlerin. Sie veranschaulicht mit eindrücklichen Beispielen das subversive Moment des Wahnsinns, das gerade unter den Bedingungen der Diktatur weit mehr als nur Kritik bedeuten kann.



Eigene Publikationen mit Bezug zum Thema:


Paranoiker und Schizophreniker - Zerrüttete Gestalten im totalitären Staat. In: Orbis Linguarum 32, Wrocław 2007, S. 107-124.

Die Diagnose des europäischen Wahnsinns in Jerzy Krzysztons Trilogie "Obled". In: Konferenzband "Übersetzbarkeit zwischen den Kulturen. Literatur-Sprache-Film", Łódź 24.-27.4.2008. (im Druck)




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